Wird das Urheberrecht abgeschafft? Sorgen und Irrtümer der Künstler

Aufruf zur Bewahrung des Urheberrechts

Über 1500 Autoren, Schauspieler und Künstler haben einen offenen Brief unterschrieben, um sich gegen öffentliche Angriffe auf das Urheberrecht zu wehren. Durch die Diskussionen über ACTA, SOPA, PIPA und CISPA, die alle das Urheberrecht besser regeln wollen, haben sich in der Öffentlichkeit vor allem Gegner der Vorlagen Gehör verschafft. Einzelne unter ihnen gehen sicher auch so weit, das Urheberrecht ganz abschaffen zu wollen. Was aber hat es damit auf sich? Steht so etwas ernsthaft zur Debatte? Die Piratenparteien jedenfalls scheinen sich genau dafür einzusetzen und erhalten grossen öffentlichen Zuspruch.

Laut Christian Stöcker vom ‚Spiegel‘ und Christian Schlüter von der ‚Berliner Zeitung‘ haben folgende bekannte Autoren oben genannten Aufruf, der vor der Abschaffung des Urheberrechts warnt, unterschrieben: Julia Franck, Mario Adorf, Uwe Tellkamp, Daniel Kehlmann, Charlotte Roche, Felicitas Hoppe, Roger Willemsem und Martin Walser. (Alle Unterzeichnenden findet man hier.) Christian Stöcker hat sich mit dem Aufruf und der ganzen Debatte auseinandergesetzt und folgende Irrtümer (beziehungsweise Missverständnisse), die hier kurz zusammengefasst werden sollen, festgestellt:

1) Die Abschaffung des Urheberrechts steht NICHT kurz bevor

Es gibt zwar in Piratenparteien wenige Extremisten, die das Urheberrecht abschaffen wollen, es steht aber in keinem Parteiprogramm einer Piratenpartei. Die Mehrheit der Piraten möchte Internetuser vor Strafverfolgungen schützen:

Christian Stöcker: „Die Piratenpartei wurde gegründet, um Datentauscher vor dem Zugriff von Strafverfolgern und privatwirtschaftlich organisierten Piratenjägern zu schützen. „

Zudem haben die Piratenparteien nach der Meinung von Christian Stöcker trotz Aufschwung und Popularität nicht die Macht, eine so radikale Änderung durchzusetzen.

2) Die Piraten wissen NICHT, was sie tun

Christian Stöcker: „Der Kampf für ein Recht auf straffreies Filesharing gehört zum Gründungsmythos der Piratenpartei. Gleichzeitig ist vielen Piraten längst klar, dass ein gewisser Widerspruch besteht zwischen sanktionslosem Tausch digital vorliegender Werke im Netz und der Aufrechterhaltung des klassischen Urheberrechts. Der Begriff „Privatkopie“ wird spätestens dann sinnlos, wenn man einen Song, einen Film oder ein E-Buch global verfügbar macht, indem man das Werk in eine Tauschbörse stellt. Diesen Grundwiderspruch haben die Piraten bislang nicht auflösen können, was man in mittlerweile zahlreichen Interviews nachlesen kann, in denen die Vertreter der Partei immer ziemlich unscharf und ausweichend werden, wenn es um diese Frage geht.“

3) Das Geschäftsmodell von Charlotte Roche, Mario Adorf und Sven Regener ist durch Filesharing NICHT existentiell bedroht

Als Beispiel dafür nennt Stöcker die Musikbranche, die noch immer existiert. Er geht davon aus, dass es sich mit der Buchbranche ähnlich verhalten wird. Es wird immer mehr E-books geben, eine Verschiebung findet statt, aber die Kunden sind bereit, dafür zu bezahlen. Das wird sich nicht plötzlich ändern. Zudem profitieren Autoren ja davon, wenn möglichst viele Leute ihre Bücher lesen, auch wenn sie sie gratis kopiert haben. Sie werden Anderen davon erzählen und diese werden das Buch dann vielleicht wieder kaufen. Die Sache ist nicht, dass die Existenz der Buchbranche auf dem Spiel steht, sondern, dass man vom klassischen Buchhandel wegkommt und die Bücher auf einem anderen Weg verkaufen kann/muss. Damit sollten sich die Autoren anfreunden, anders wird es in Zukunft nicht gehen.

4) In dem Konflikt stehen sich NICHT geizige Filesharer und missachtete Urheber gegenüber

Christian Stöcker: „Der Ausgangspunkt der Debatte ist nicht die Forderung nach einer Abschaffung des Urheberrechts. Der Ausgangspunkt ist vielmehr der vehement und auf zahlreichen Wegen immer wieder vorgetragene Wunsch der Branchenverbände, Bürgerrechte einzuschränken, um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zu erleichtern. Viele, die etwa gegen den Copyright-Pakt ACTA auf die Straße gingen, taten das nicht, weil sie unbegrenzten Zugang zu kostenlosen Musik- und Filmdateien wollen, sondern weil sie verschärfte Internetüberwachung für gefährlich halten.“
5) Es ist derzeit NICHT unmöglich, gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorzugehen.

In Deutschland gibt es Anwaltskanzleien, die sich auf das Thema spezialisiert haben und bei Urheberrechtsverletzungen im Internet Abmahnungen erteilen. Es gibt Mittel und Wege, gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen, wenn auch keine radikale.

Trotz dieser aufgeführten Punkte muss der Aufruf der Autoren meiner Meinung nach ernst genommen werden. Dies, weil der Aufruf aufzeigt, dass sich viele Autoren den Diskussionen um das Urheberrecht hilflos ausgesetzt fühlen und Angst um das Wenige haben, das ihnen bleibt. Autoren verdienen wenig am Verkauf ihrer Bücher, aber dennoch stecken sie ihr ganzes Herzblut ins Schreiben und möchten die Wertschätzung in Form des Urheberrechts dafür spüren. Sagen zu können man hat etwas geschaffen, das bleibt, eine geistige Schöpfung kreiert, die kein anderer in dieser Weise hätte schaffen können ist schön und diese Schöpfungen sollen deshalb auch nicht übers Internet frei beziehbar sein. Der Gedanke hinter dem Aufruf ist verständlich, aber wie oben erwähnt gehen die Diskussionen eher in die Richtung, dass das Urheberrecht überarbeitet werden soll und dem digitalen Zeitalter angepasst, nicht aber abgeschafft. Es handelt sich um eine Minderheit, die für die Abschaffung des Urheberrechts plädiert.

Sammelklage gegen Google books

Mit einer weiteren Aktion versuchen sich Autoren und Fotografen für ihre Rechte an ihren geistigen Schöpfungen einzusetzen: Anfangs Juni wurde laut Carolin Neumann eine Sammelklage gegen Google books eingereicht um gegen die Massendigitalisierung vorzugehen. Die Authors Guild versucht schon seit 2005, erfolgreich gegen Google vorzugehen:

Carolin Neumann: „Der Konzern (Google) selbst gibt sich nach wie vor selbstbewusst, bei seiner anhaltenden Digitalisierung amerikanischem Urheberrecht zu folgen. Nach dem jetzigen Urteil ist der Weg frei für einen Prozess, der dieser Frage neuerlich nachgehen soll. Google hatte sich zuletzt gegen eine Sammelklage gewehrt und argumentiert, die Authors‘ Guild könne nicht für alle ihre Mitglieder sprechen, wenn doch mehr als die Hälfte bekanntermaßen für eine Verbreitung ihrer Werke per Google Books sei. Doch das Gericht schmetterte auch diese Einwände ab: Die „unglücklichen Autoren“ hätten trotzdem das Recht, sich zusammenzuschließen. Es wäre überdies unfair, von Urhebern zu verlangen, allein gegen Google vorzugehen.“

Wozu die Sammelklage schlussendlich wirklich führen kann bleibt offen.

„Everything is a Remix“ Teil 4: Systemversagen

Blogeintrag zu Teil 1
Blogeintrag zu Teil 3

Die Videoreihe „Everything is a Remix“ beschäftigt sich mit Fragen, die eigentlich in Diskussionen um das Urheberrecht miteinfliessen sollten. Ich kann sie deshalb nur empfehlen.

Der wichtigsten Aussagen aus dem 4. und letzten Teil der Serie von Kirby Ferguson:

Neue Ideen entstehen aus alten Ideen. Aber unser Rechtssystem erkennt das ableitende Wesen von Kreativität nicht an. Stattdessen werden Ideen wie Eigentum behandelt, einmalig und originell und mit eindeutigen Grenzen. Ideen sind aber nicht so ordentlich, sondern geschichtet, miteinander verflochten und verworren.

Ideen waren für lange Zeit unserer Geschichte gratis. Die Werke von Shakespeare, Gutenberg und Rembrandt konnten offen kopiert werden und neue Werke darauf aufgebaut werden. Die wachsende Dominanz der Marktwirtschaft, wo die Produkte unserer intellektuellen Arbeit gekauft und verkauft werden, hatte aber eine unglückliche Nebenwirkung.

In den Vereinigten Staaten sollte die Einführung von Urheberrecht (Medien) und Patentrecht (Erfindungen) dazu beitragen, das Ungleichgewicht zwischen Erfinder/Erschaffer und Nachahmer zu adressieren. Denn es ist klar: Originelle Werke können nicht mit dem Preis von Kopien mithalten. Diese Gesetze sollten der Erschaffer ein zeitlich beschränktes, exklusives Zeitfenster schaffen, in dem ihr Werk nicht kopiert werden durfte und sie so ihre Entwicklungskosten zurückzuerhalten und einen Gewinn machen konnten. Nachdem kamen ihre Werke in die öffentliche Domain, wo sie kostenlos kopiert und weiterentwickelt werden konnten. Das war das Ziel: eine robuste öffentliche Domain mit Ideen, Produkten, Kunst und Unterhaltung, die für alle zugänglich war. Der Grundgedanke war das Allgemeinwohl. Aber mit der Zeit wurde dieses Prinzip zur völligen Unkenntlichkeit verändert. Einflussreiche Denker schlugen vor, dass Ideen eine Art von Eigentum seien. Dies führte zum Begriff „Intellectual Property“, auf deutsch „geistiges Eigentum“.

Das sich „geistiges Eigentum“ als Idee durchgesetzt hat, ist aufgrund der menschlichen Eigenart zu „Loss Aversion“. Das heisst: Wir hassen es, etwas zu verlieren, was wir haben. Wir bewerten Verluste viel höher als Gewinne. Den Ertrag, den wir durch das Kopieren der Ideen von anderen machen, hinterlässt kaum einen Eindruck. Sobald es aber unsere Ideen sind, die kopiert werden, empfinden wir das als Verlust und werden territorial. So bediente sich Disney ausführlich aus der öffentlichen Domain mit Filmen wie Schneewittchen, Pinoccio und Alice im Wunderland. Als aber Urheberrecht der ersten Filme von Disney abzulaufen drohte, haben sie sich für ein verlängertes Copyright eingesetzt. Wenn wir etwas kopieren, dann rechtfertigen wir uns, wenn andere kopieren, dann verteufeln wir sie. Die meisten Leute haben keine Probleme mit dem Kopieren von etwas, solange sie es selber tun.

Seit den späten 90er-Jahren wurden eine Reihe neuer Urheberrechtsgesetze und -bestimmungen eingeführt und viele mehr sind in Vorbereitung. Die ehrgeizigsten im punkto Anwendungsbereich sind Handelsabkommen. Weil sie nur Abkommen und keine Gesetze sind, können sie im geheimen und ohne öffentliche Diskussion ausgehandelt werden. ACTA wurde 2011 von Präsident Obama unterzeichnet.

Der Glaube an geistiges Eigentum hat den ursprünglichen Gedanken hinter Urheberrecht und Patentrecht aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Der ursprüngliche Text des Urheberrechts war untertitelt „An act for the encouragement of learning“, der Text des Patentrechts „An act to promote the progress of useful Arts“. Die Absicht war, das Leben aller zu verbessern, indem Kreativität belohnt wurde und eine reichhaltige öffentliche Domain zu schaffen, ein gemeinsamer Wissenspool, der allen offen steht. Aber exklusive Rechte wurden von den Leuten für wichtiger gehalten, deshalb wurden diese Rechte verstärkt und ausgedehnt. Das führte aber nicht zu mehr Fortschritt oder mehr Lernen, nur zu mehr Streitereien und Missbrauch.

Wir leben in einer Zeit mit gewaltigen Problemen. Wir brauchen die bestmöglichsten Ideen und wir brauchen sie jetzt. Das Gedanke ans Allgemeinwohl wurde durch geistiges Eigentum verdrängt. Das Allgemeinwohl als Idee sollte sich wieder verbreiten.

„Everything is a Remix“ Teil 3: Die Elemente der Kreativität

Blogeintrag zu Teil 1

Woher kommen Ideen? Wie sind die bedeutendsten Erfindungen der Welt überhaupt entstanden? Hatten die Erfinder einen „göttlichen“ Einfall? Oder beruhen alle Ideen irgendwo auf anderen? Diesen und anderen Fragen wird in der vierteiligen Videoserie „Everything is a Remix“ nachgegangen. Teil 3 handelt von den Elementen der Kreativität:

  • Kopieren
  • Verwandeln
  • Kombinieren

Kirby Ferguson argumentiert, kopieren und nachahmen sei wie wir lernen. Musiker produzieren während ihrer Entwicklungsjahre oft derivative Werke. Bob Dylan’s erstes Album bestand z.B. aus 11 Cover Songs. Niemand startet originell. Wir müssen kopieren und nachahmen, um ein Fundament von Wissen zu bilden. Erst danach können wir ein Idee aufnehmen und mit ihr herumspielen, sie verwandeln.

Thomas Edison hat die Glühbirne nicht erfunden, sein erstes Patent war „Improvements in Electric Lamps“. Er hat jedoch die erste kommerzielle brauchbare Glühbirne geschaffen, nachdem er 6000 Varianten für das Filament durchprobiert hat. Johannes Gutenberg erfand die Druckerpresse 1440, aber all die Komponenten dazu gab es schon Jahrhunderte vorher. Henry Ford hat weder das Fliessband, auswechselbare Teil oder das Automobil erfunden, aber in 1908 hat er all das kombiniert, um das erste Auto für den Massenmarkt zu produzieren.

Das Problem mit ACTA ist, das Ideen darunter stärker geschützt wären. Das heisst, geschützte Ideen könnten nicht mehr wiederverwendet, verfeinert und weiterentwickelt werden. Wichtige Erfindungen und Fortschritte entstanden jedoch durch die Kombination verschiedener Ideen. Wie würde unsere Zukunft aussehen, wenn Ideen rigoros geschützt würden? Könnten die notwendigen technischen und wissenschaftlichen Durchbrüche und Fortschritte erzielt werden, die wir als Gesellschaft benötigen, um unsere komplexen Probleme zu lösen?

Befürworter von ACTA

Bekannt sind vor allem die etlichen Gegner von ACTA, wer aber befürwortet das Abkommen?

Laut einem Artikel in der ‚Zeit‘ vom 17.02.2012 befürwortet die Deutsche Content Allianz bestehend aus verschiedenen Firmen wie z.B. ARD, ZDF, Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte), Bundesverband Musikindustrie, Börsenverein des deutschen Buchhandels, Spitzenverband der Filmwirtschaft SPIO, Privatsenderverband VPRT und der Allianz deutscher Produzenten die Unterzeichnung von ACTA.

Schon vor ca. einem Jahr hat sich diese Allianz gebildet mit dem Vorhaben, ein Gesetz durchzusetzen, das die Rechte der Urheber von Werken besser schützt. Die Leitsätze der Allianz (Inhalte kreieren. Technologie mit Leben erfüllen. Wertschöpfung gestalten.) sieht man auf dem folgenden Bild:

Bild von einem Artikel zu den Befürwortern von ACTA von: http://www.delamar.de/musikrecht/deutsche-content-allianz-pro-acta-13760/

Als Gründe für die Befürwortung von ACTA nennt die Allianz in erster Linie, dass der Umgang mit dem Urheberrecht im Internet gerade bei Jugendlichen kein Thema ist. Digitaler Diebstahl wird nicht als solcher wahrgenommen und ist wie selbstverständlich in den Alltag vieler Leute eingeflossen. Oft sind sie sich ihrer Vergehen nicht richtig bewusst: ACTA soll dafür sorgen, dass alle auf das Thema sensibilisiert werden und dass gegen das Urheberrecht Verstossende wissen, dass sie dafür auch wirklich belangt werden können.

Die Deutsche Content Alllianz sieht ACTA als zukunftsorientierte Reform des Urheberrechtes, als Teil eines Weges in die richtige Richtung. Sie ist sich bewusst, dass sich am deutschen Recht selbst bei einer Unterzeichnung nichts ändern würde, da die Umsetzung des Abkommens Staatssache ist und das Schutzniveau des deutschen Urheberrechts demjenigen von ACTA bereits heute entspricht.

Eine spannende Diskussion hierzu mit Befürwortern und Gegnern von ACTA hat der NDR in einem ZAPP-Beitrag zusammengestellt. Matthias Leonardy, laut dem Beitrag ein Urheberrechtsschützer der GVU (Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen), betont, dass den Inhabern des Urheberrechts von Werken nur schon in Deutschland schätzungsweise eine halbe Milliarde Euro pro Jahr verloren geht durch Urheberrechtsverletzungen. Auf den Vorwurf hin, dass bei ACTA das bestehende Urheberrecht noch verschärft würde anstatt dass man das Urheberrecht dem neuen Mediennutzungsverhalten der Gesellschaft anpassen würde entgegnet Leonardy folgendes: Das Internet sei als solches nichts Neues, es habe immer kreative Urheber von Werken gegeben und die Diskussion habe nicht eigentlich mit dem Internet zu tun, sondern mit der Tatsache, wie auf kreative Werke reagiert wird.

Fazit aus diesen Worten: Das Internet soll sich dem Urheberrecht anpassen.

Das geltende Urheberrecht in der Schweiz

Macht die Einführung von ACTA in der Schweiz überhaupt einen Sinn? Was besagt das bestehende Urheberrecht? Diesen Fragen möchte ich mich in diesem Artikel widmen.

Das seit 1992 geltende Urheberrecht wurde 2006 teilrevidiert, da es veraltet war und den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht wurde. Die damals beschlossenen Änderungen sind seit dem 1.Juli 2008 in Kraft. Das eidgenössische Institut für geistiges Eigentum (IGE) hat sich damit auseinandergesetzt und auf der Website von Copyright Law kann man Folgendes dazu lesen:

Nachdem ein erster Vorentwurf vom IGE verfasst und in die Vernehmlassung geschickt wurde, verabschiedete der Bundesrat im März 2006 seine „Botschaft zum Bundesbeschluss über die Genehmigung von zwei Abkommen der Weltorganisation für geistiges Eigentum und zur Änderung des Urheberrechtsgesetzes“. Diese Vorlage wurde von der ständerätlichen Kommission für Rechtsfragen überarbeitet und im Dezember 2006 vom Ständerat abgesegnet.

Schon 1996 an der Konferenz der World Intellectual Property Organization (WIPO) in Genf hat die Schweiz zwei Abkommen der WIPO unterschrieben, das wie ACTA international durchgesetzt werden sollte. Zum einen handelte es sich um das WIPO Copyright Treaty (WCT) und zum anderen um das WIPO Performances and Phonograms Treaty (WPPT). Beim WCT war Artikel 12 wichtig, in welchem gesagt wird, dass elektronische Informationen weder entfernt noch geändert werden dürfen.

Im Jahr 2001 gab es dann eine EU-Richtlinie zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte, welche die beiden Abkommen präzisiert hat. Copyright Law hält zur Umsetzung dieser Richtlinie Folgendes fest :

Dabei soll nach Art 6 Abs. 1 Richtlinie 2001/29/EG ein angemessener Rechtsschutz gegen die Umgehung von wirksamen technischen Massnahmen gewährleistet werden. Die Mitgliedsstaaten werden verpflichtet, auch Vorbereitungshandlungen zur Umgehung technischer Schutzmassnahmen in den Massnahmekatalog aufzunehmen. Nach Erlass dieser EU-Richtlinie war die Schweiz unter Zugzwang, um den gleichen Umfang des Schutzes wie die EU garantieren zu können.

Die Teilrevision, die schon 2006 begonnen wurde und deren Änderungen seit dem 1.Juli 2008 in Kraft sind hat dann das ganze Urheberrechtsgesetz (URG) angepasst. Grundsätzlich verändert hat sich nach der Teilrevision Folgendes:

1) Art.39a: Schutz technischer Massnahmen: Neu wird in Absatz 1 gesagt, dass technische Schutzmassnahmen nicht umgangen werden dürfen und in Absatz 2 werden die verschiedenen möglichen Schutzmassnahmen aufgeführt. In Absatz 3 wird dann noch präzisiert und es werden jegliche Vorbereitungshandlungen zur Umgehung von Schutzvorrichtungen verboten. Absatz 4 ergänzt, in welchem Fall die Schutzvorrichtungen umgangen werden dürfen: nämlich wenn diese der gesetzlichen Verwendung dienen.

Was in diesem Artikel nicht definiert worden ist sind die Formen einer unerlaubten Verwendung.

2) Art.69a: Verletzung des Schutzes von technischen Massnahmen und von Informationen für die Wahrnehmung von Rechten: Hier wird das Strafmass für Vergehen von oben genanntem Artikel 39a sowie 39c geregelt.

3) Art.20: Vergütung für den Eigengebrauch: Neu können für die Vervielfältigung von Werken zum Eigengebrauch von den Verwertungsgesellschaften Vergütungsansprüche geltend gemacht werden (Absätze 2-4).

4) Art.24a: Vorübergehende Vervielfältigungen: Die vorübergehende Vervielfältigung von Werken ist dann zulässig, wenn sie nur flüchtig oder begleitend ist. Dies betrifft z.B. den Fall von Access-Servern (Teil a). Ebenfalls zulässig ist die vorübergehende Vervielfältigung, wenn sie der rechtmässigen Nutzung eines Werkes dient (Teil c). Ebenfalls wenn die Vervielfältigung keine eigenständige wirtschaftliche Bedeutung hat, sowie wenn sie ein integraler Teil eines technischen Verfahrens darstellt (Teil d und b).

5) Art.67: Urheberrechtsverletzung: Es wird nur noch der Upload von urheberrechtlich geschützten Werken unter Strafe gestellt.

Laut Copyright Law kann dazu folgendes Fazit gezogen werden:

Die Revisionsvorlage sieht somit u.a. die Anerkennung des Rechts vor, geschützte Werke über das Internet zugänglich zu machen, sowie ein Verbot, technische Massnahmen wie Kopiersperren zu umgehen. Darüber hinaus ergänzt sie das geltende Recht mit Bestimmungen über vorübergehende Vervielfältigungen eines Werks und über Vervielfältigungen zu Sendezwecken. Zudem wird mit den neuen urheberrechtlichen Einschränkungen den aktuellen Bedürfnissen der Werknutzenden und der Konsumentinnen und Konsumenten Rechnung getragen.

Das Fazit ist eine gute Interpretation der Änderungen, die für mich nicht ganz klar aus den Gesetzesartikeln hervorgingen. Nirgendwo wird explizit das Internet genannt, mir scheint alles weiterhin ziemlich schwammig formuliert. Scheinbar ist das bei den meisten Gesetzen die Tendenz. Genau deshalb wird die Schweiz ACTA wohl unterschreiben. Die tatsächliche Umsetzung der Vorlage kann/muss vom zustimmenden Staat selbst erarbeitet werden. Und wenn ACTA  in keiner Passage dem Urheberrecht der Schweiz widerspricht wird sich ob mit oder ohne Unterzeichnung von ACTA an den Gesetzen bezüglich Urheberrecht in der Schweiz auch nichts ändern.

Online Piracy aus einem anderen Blickwinkel betrachtet

Beim Recherchieren bin ich auf einen interessanten Artikel gestossen.

Die Mehrheit der Diskussion über Online Piracy dreht sich um den mutmasslichen wirtschaftlichen Schaden, der durch Urheberverletzungen verursacht wird. Wenn diese berechnet werden, gehen Urheberrechtsinhaber jeweils davon aus, dass jeder illegale Download ein Verlust darstellt.

Matthew Yglesias meint, dies sei falsch. Wenn jemand etwas downloade, sei es nur ein potenzieller Verlust, denn nicht jeder, der sich Sachen runterlädt, würde das Gleiche auch tatsächlich kaufen. Wäre unerlaubtes Kopieren keine Option, würde ein Teil der Leute einfach den Film nicht schauen oder das Album nicht hören. Und wenn jemand sich ein Buch runterlädt, ohne dafür zu bezahlen, sei das zwar ein realer Verlust für den Urheber des Buches, das Geld verschwinde aber nicht einfach, es komme dafür einfach jemand anderem im Wirtschaftskreislauf, wie z.B. der lokalen Pizzeria, zu Gute.

In dem Artikel wird nicht dafür plädiert, keine Copyright Gesetze zu haben oder gar keine Strafen für Online Piracy zu haben. Denn wenn Urheberverletzungen aus dem Ruder laufen, könnte es vielleicht eines Tages passieren, dass Bands aufhören, Alben aufzunehmen und keine neuen Fernsehserien veröffentlicht werden. Die gleiche digitale Welt, welches das Piracy Problem geschaffen hat, hat aber auch neue Möglichkeiten erschaffen und macht es einfacher für kleine Firmen, ihre Produkte zu vertreiben. Digitale Technologie hat den Preis reduziert, den wir für neue Werke bezahlen und macht die Erstellung solcher billiger. SOPA findet er deshalb, sei nicht nur ein aufdringlicher Weg ein Problem zu lösen, es ist eine Lösung zu einem Problem, das gar keines sei.

Ich fand es schön, mal einen Artikel zu Online Piracy zu lesen, der nicht nur gegen die bösen illegalen Downloader wettert. Ich stimme ihm zu, was die Downloads betrifft. Nicht jeder, der etwas ohne Bezahlung runterlädt, würde sich das auch legal kaufen. Es ist schwer abzuschätzen, wie hoch die Zahl der tatsächlichen Verluste durch Online Piracy wirklich ist. Für die Branchenverbände macht es natürlich Sinn, die mutmasslichen Verluste grosszügig zu schätzen, denn je grösser die Zahl, desto grösser die Entrüstung und Aufmerksamkeit der Politiker.

„Protecting Content and Promoting Innovation in a Digital Age“: Jeder ist ein Pirat

Das Paley Center for Media beschäftigt sich mit der Überschneidung von Medien und Gesellschaft. Das Center führt Diskussionen über die kulturelle, kreative und soziale Bedeutung von Fernsehen, Radio und neuen Plattformen durch. Mitte Februar 2012 fand eine Diskussion zum Thema „Protecting Content and Promoting Innovation in a Digital Age“ statt.

An der Diskussion teilgenommen haben Richard Cotton, General Counsel von NBC Universal und Fred Wilson, Mitgründer von Union Square Ventures, einer Venture Capital Firma, welche viele Investments in Web 2.0-Firmen wie z.B. Twitter, Tumblr, Etsy, del.icio.us etc. hält.

Fred Wilson bringt das grundlegende Problem auf den Punkt:

We gotta fix the system so that the content is available legally on the internet in a way that it is available for people to consume it. As convenient as turning on your TV and watching HBO, that’s how convenient it has to be. The content industry has not made this content convenient to access on the internet and as a result everybody, and I mean everybody, is a pirate. Okay so in the world where everybody is breaking the law, you gotta look at the law. Is it the right law?

Eines der Probleme, die zu Online Piracy führen ist, dass die Content Industrie (Plattenfirmen, Filmstudios, Verlagshäuser etc.) das Internet verschlafen hat. Nicht jeder Content ist heute gleichzeitig weltweit legal auf dem Internet verfügbar. Das ist ein Problem, denn auf illegalem Wege ist alles einfach und schnell verfügbar. Es ist verständlich, dass Verträge mit Anbietern auf Landesgrenzen Rücksicht nehmen müssen. Aber es scheint, als würden sowohl der Wille als auch die Ideen fehlen, sich dem digitalen Zeitalter anzupassen. Die Konsumenten sind zur Zeit des globalen Internets nicht mehr geduldig, sie möchten jetzt ihre Inhalte konsumieren und nicht erst in drei Monaten oder einem Jahr, wenn er in ihrem Land veröffentlicht wird. Die Content Industrie ist nicht innovativ genug, um von dem Teil der Bevölkerung, die bereit wären, für Inhalte zu zahlen, zu profitieren. Stattdessen kriminalisiert sie lieber einen Grossteil der Bevölkerung. Wie schwierig wäre es z.B. alle Songs im iTunes Music Store weltweit verfügbar zu machen? So müsste ich als Konsument nicht immer schauen, ob ein Album im Schweizer Store verfügbar ist, sondern könnte mich darauf verlassen, dass es da ist, wenn es veröffentlicht wurde.

Ein weiteres Problem ist, dass sich die Leute daran gewöhnt haben, Inhalte nicht legal zu beziehen. Fred Wilson schlägt darum vor, eine weisse und schwarze Liste zu entwickeln. Beim Anzeigen von Suchergebnissen einer Seite von der schwarzen Liste würde eine Meldung eingeblendet „Sie besuchen eine Seite auf unserer schwarzen Liste. Wir glauben, dass die Seite raubkopierte Inhalte enthält. Sie können diese Inhalte legal auf diesen Seiten von unserer weissen Liste beziehen“. So könnten die Leute langsam wieder umerzogen werden.

Es stellt sich schliesslich die Frage: müsste man das bestehende Gesetz anpassen oder gar ein digitales Urheberrecht schaffen? Denn wenn ein Grossteil der Bevölkerung in irgendeiner Form gegen ein Gesetz verstösst, besteht eindeutig Anpassungsbedarf.

Die ganze, rund 40 min. Diskussion findet man hier.