„Everything is a Remix“ Teil 4: Systemversagen

Blogeintrag zu Teil 1
Blogeintrag zu Teil 3

Die Videoreihe „Everything is a Remix“ beschäftigt sich mit Fragen, die eigentlich in Diskussionen um das Urheberrecht miteinfliessen sollten. Ich kann sie deshalb nur empfehlen.

Der wichtigsten Aussagen aus dem 4. und letzten Teil der Serie von Kirby Ferguson:

Neue Ideen entstehen aus alten Ideen. Aber unser Rechtssystem erkennt das ableitende Wesen von Kreativität nicht an. Stattdessen werden Ideen wie Eigentum behandelt, einmalig und originell und mit eindeutigen Grenzen. Ideen sind aber nicht so ordentlich, sondern geschichtet, miteinander verflochten und verworren.

Ideen waren für lange Zeit unserer Geschichte gratis. Die Werke von Shakespeare, Gutenberg und Rembrandt konnten offen kopiert werden und neue Werke darauf aufgebaut werden. Die wachsende Dominanz der Marktwirtschaft, wo die Produkte unserer intellektuellen Arbeit gekauft und verkauft werden, hatte aber eine unglückliche Nebenwirkung.

In den Vereinigten Staaten sollte die Einführung von Urheberrecht (Medien) und Patentrecht (Erfindungen) dazu beitragen, das Ungleichgewicht zwischen Erfinder/Erschaffer und Nachahmer zu adressieren. Denn es ist klar: Originelle Werke können nicht mit dem Preis von Kopien mithalten. Diese Gesetze sollten der Erschaffer ein zeitlich beschränktes, exklusives Zeitfenster schaffen, in dem ihr Werk nicht kopiert werden durfte und sie so ihre Entwicklungskosten zurückzuerhalten und einen Gewinn machen konnten. Nachdem kamen ihre Werke in die öffentliche Domain, wo sie kostenlos kopiert und weiterentwickelt werden konnten. Das war das Ziel: eine robuste öffentliche Domain mit Ideen, Produkten, Kunst und Unterhaltung, die für alle zugänglich war. Der Grundgedanke war das Allgemeinwohl. Aber mit der Zeit wurde dieses Prinzip zur völligen Unkenntlichkeit verändert. Einflussreiche Denker schlugen vor, dass Ideen eine Art von Eigentum seien. Dies führte zum Begriff „Intellectual Property“, auf deutsch „geistiges Eigentum“.

Das sich „geistiges Eigentum“ als Idee durchgesetzt hat, ist aufgrund der menschlichen Eigenart zu „Loss Aversion“. Das heisst: Wir hassen es, etwas zu verlieren, was wir haben. Wir bewerten Verluste viel höher als Gewinne. Den Ertrag, den wir durch das Kopieren der Ideen von anderen machen, hinterlässt kaum einen Eindruck. Sobald es aber unsere Ideen sind, die kopiert werden, empfinden wir das als Verlust und werden territorial. So bediente sich Disney ausführlich aus der öffentlichen Domain mit Filmen wie Schneewittchen, Pinoccio und Alice im Wunderland. Als aber Urheberrecht der ersten Filme von Disney abzulaufen drohte, haben sie sich für ein verlängertes Copyright eingesetzt. Wenn wir etwas kopieren, dann rechtfertigen wir uns, wenn andere kopieren, dann verteufeln wir sie. Die meisten Leute haben keine Probleme mit dem Kopieren von etwas, solange sie es selber tun.

Seit den späten 90er-Jahren wurden eine Reihe neuer Urheberrechtsgesetze und -bestimmungen eingeführt und viele mehr sind in Vorbereitung. Die ehrgeizigsten im punkto Anwendungsbereich sind Handelsabkommen. Weil sie nur Abkommen und keine Gesetze sind, können sie im geheimen und ohne öffentliche Diskussion ausgehandelt werden. ACTA wurde 2011 von Präsident Obama unterzeichnet.

Der Glaube an geistiges Eigentum hat den ursprünglichen Gedanken hinter Urheberrecht und Patentrecht aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Der ursprüngliche Text des Urheberrechts war untertitelt „An act for the encouragement of learning“, der Text des Patentrechts „An act to promote the progress of useful Arts“. Die Absicht war, das Leben aller zu verbessern, indem Kreativität belohnt wurde und eine reichhaltige öffentliche Domain zu schaffen, ein gemeinsamer Wissenspool, der allen offen steht. Aber exklusive Rechte wurden von den Leuten für wichtiger gehalten, deshalb wurden diese Rechte verstärkt und ausgedehnt. Das führte aber nicht zu mehr Fortschritt oder mehr Lernen, nur zu mehr Streitereien und Missbrauch.

Wir leben in einer Zeit mit gewaltigen Problemen. Wir brauchen die bestmöglichsten Ideen und wir brauchen sie jetzt. Das Gedanke ans Allgemeinwohl wurde durch geistiges Eigentum verdrängt. Das Allgemeinwohl als Idee sollte sich wieder verbreiten.

„Everything is a Remix“ Teil 3: Die Elemente der Kreativität

Blogeintrag zu Teil 1

Woher kommen Ideen? Wie sind die bedeutendsten Erfindungen der Welt überhaupt entstanden? Hatten die Erfinder einen „göttlichen“ Einfall? Oder beruhen alle Ideen irgendwo auf anderen? Diesen und anderen Fragen wird in der vierteiligen Videoserie „Everything is a Remix“ nachgegangen. Teil 3 handelt von den Elementen der Kreativität:

  • Kopieren
  • Verwandeln
  • Kombinieren

Kirby Ferguson argumentiert, kopieren und nachahmen sei wie wir lernen. Musiker produzieren während ihrer Entwicklungsjahre oft derivative Werke. Bob Dylan’s erstes Album bestand z.B. aus 11 Cover Songs. Niemand startet originell. Wir müssen kopieren und nachahmen, um ein Fundament von Wissen zu bilden. Erst danach können wir ein Idee aufnehmen und mit ihr herumspielen, sie verwandeln.

Thomas Edison hat die Glühbirne nicht erfunden, sein erstes Patent war „Improvements in Electric Lamps“. Er hat jedoch die erste kommerzielle brauchbare Glühbirne geschaffen, nachdem er 6000 Varianten für das Filament durchprobiert hat. Johannes Gutenberg erfand die Druckerpresse 1440, aber all die Komponenten dazu gab es schon Jahrhunderte vorher. Henry Ford hat weder das Fliessband, auswechselbare Teil oder das Automobil erfunden, aber in 1908 hat er all das kombiniert, um das erste Auto für den Massenmarkt zu produzieren.

Das Problem mit ACTA ist, das Ideen darunter stärker geschützt wären. Das heisst, geschützte Ideen könnten nicht mehr wiederverwendet, verfeinert und weiterentwickelt werden. Wichtige Erfindungen und Fortschritte entstanden jedoch durch die Kombination verschiedener Ideen. Wie würde unsere Zukunft aussehen, wenn Ideen rigoros geschützt würden? Könnten die notwendigen technischen und wissenschaftlichen Durchbrüche und Fortschritte erzielt werden, die wir als Gesellschaft benötigen, um unsere komplexen Probleme zu lösen?

„Everything is a Remix” Teil 1: Der Song bleibt gleich

Kirby Ferguson ist ein amerikanischer Filmemacher, er hat sich in der vierteiligen Videoserie „Everything is a remix“ intensiv mit dem kopieren und neumischen von Inhalten auseinander gesetzt. Diese Thematik ist gerade heute in den andauernden Diskussionen über Urheberrechte und geistiges Eigentum sehr aktuell. Die Serie will zeigen, dass in vielen Industrien, vor allem auch in den Kulturindustrien, wie der Musik- und Filmbranche oft Inhalte übernommen oder neu gemischt werden.

Dies ist keineswegs ein neues Phänomen, bereits vor Jahrzehnten wurde in der Musik geremixt. Man nehme das Beispiel Hiphop, viele Musiktitel werden neu gemischt und ergeben so ein neues Lied. Eine andere Methode ist dieselbe Basslinie zu verwenden, wie dies im Video anhand einiger Musiktitel anschaulich gezeigt wird. Eine bekannte Basslinie der Sugerhill Gang ist aus einem früheren Song von Chic übernommen. Dieselbe Basslinie wurde später noch für viele weitere Musiktitel verwendet.

Doch nicht nur im HipHop wird gemischt und neu zusammengestellt, auch in der Rockmusik. So zum Beispiel auch Led Zeppelin die Melodie ihres Welthits Stairway to Heaven wurde bereits einige Jahre zuvor von der Band Taurus veröffentlicht. Doch nicht nur Led Zeppelin haben kopiert, einige Beats von Led Zeppelin wurden später für weitere Musiktitel neu abgemischt, diese Beats findet man zum Beispiel bei Aerosmith, den Beastie Boys und Eminem.

Die Argumentation in dieser Videoserie basiert darauf, dass nur durch bestehendes Wissen eigene Ideen entstehen können. Diese neuen Produkte sind dann nicht wirklich neu, sondern nur eine Transformation von bereits bestehenden Ideen, deshalb auch der Titel der Serie: Alles ist ein Remix. Unter dieser Voraussetzung ist klar, dass gerade auch durch das Internet, die heutigen Eigentums- und Urheberrechtsgesetze nicht mehr durchsetzbar sind.

Weitere interessante Aspekte zu dieser Videoserie findet ihr bald in diesem Blog. In der zwischen Zeit hier ein ebenfalls sehr interessanter Artikel zu „Everything is a remix“.