Wird das Urheberrecht abgeschafft? Sorgen und Irrtümer der Künstler

Aufruf zur Bewahrung des Urheberrechts

Über 1500 Autoren, Schauspieler und Künstler haben einen offenen Brief unterschrieben, um sich gegen öffentliche Angriffe auf das Urheberrecht zu wehren. Durch die Diskussionen über ACTA, SOPA, PIPA und CISPA, die alle das Urheberrecht besser regeln wollen, haben sich in der Öffentlichkeit vor allem Gegner der Vorlagen Gehör verschafft. Einzelne unter ihnen gehen sicher auch so weit, das Urheberrecht ganz abschaffen zu wollen. Was aber hat es damit auf sich? Steht so etwas ernsthaft zur Debatte? Die Piratenparteien jedenfalls scheinen sich genau dafür einzusetzen und erhalten grossen öffentlichen Zuspruch.

Laut Christian Stöcker vom ‚Spiegel‘ und Christian Schlüter von der ‚Berliner Zeitung‘ haben folgende bekannte Autoren oben genannten Aufruf, der vor der Abschaffung des Urheberrechts warnt, unterschrieben: Julia Franck, Mario Adorf, Uwe Tellkamp, Daniel Kehlmann, Charlotte Roche, Felicitas Hoppe, Roger Willemsem und Martin Walser. (Alle Unterzeichnenden findet man hier.) Christian Stöcker hat sich mit dem Aufruf und der ganzen Debatte auseinandergesetzt und folgende Irrtümer (beziehungsweise Missverständnisse), die hier kurz zusammengefasst werden sollen, festgestellt:

1) Die Abschaffung des Urheberrechts steht NICHT kurz bevor

Es gibt zwar in Piratenparteien wenige Extremisten, die das Urheberrecht abschaffen wollen, es steht aber in keinem Parteiprogramm einer Piratenpartei. Die Mehrheit der Piraten möchte Internetuser vor Strafverfolgungen schützen:

Christian Stöcker: „Die Piratenpartei wurde gegründet, um Datentauscher vor dem Zugriff von Strafverfolgern und privatwirtschaftlich organisierten Piratenjägern zu schützen. „

Zudem haben die Piratenparteien nach der Meinung von Christian Stöcker trotz Aufschwung und Popularität nicht die Macht, eine so radikale Änderung durchzusetzen.

2) Die Piraten wissen NICHT, was sie tun

Christian Stöcker: „Der Kampf für ein Recht auf straffreies Filesharing gehört zum Gründungsmythos der Piratenpartei. Gleichzeitig ist vielen Piraten längst klar, dass ein gewisser Widerspruch besteht zwischen sanktionslosem Tausch digital vorliegender Werke im Netz und der Aufrechterhaltung des klassischen Urheberrechts. Der Begriff „Privatkopie“ wird spätestens dann sinnlos, wenn man einen Song, einen Film oder ein E-Buch global verfügbar macht, indem man das Werk in eine Tauschbörse stellt. Diesen Grundwiderspruch haben die Piraten bislang nicht auflösen können, was man in mittlerweile zahlreichen Interviews nachlesen kann, in denen die Vertreter der Partei immer ziemlich unscharf und ausweichend werden, wenn es um diese Frage geht.“

3) Das Geschäftsmodell von Charlotte Roche, Mario Adorf und Sven Regener ist durch Filesharing NICHT existentiell bedroht

Als Beispiel dafür nennt Stöcker die Musikbranche, die noch immer existiert. Er geht davon aus, dass es sich mit der Buchbranche ähnlich verhalten wird. Es wird immer mehr E-books geben, eine Verschiebung findet statt, aber die Kunden sind bereit, dafür zu bezahlen. Das wird sich nicht plötzlich ändern. Zudem profitieren Autoren ja davon, wenn möglichst viele Leute ihre Bücher lesen, auch wenn sie sie gratis kopiert haben. Sie werden Anderen davon erzählen und diese werden das Buch dann vielleicht wieder kaufen. Die Sache ist nicht, dass die Existenz der Buchbranche auf dem Spiel steht, sondern, dass man vom klassischen Buchhandel wegkommt und die Bücher auf einem anderen Weg verkaufen kann/muss. Damit sollten sich die Autoren anfreunden, anders wird es in Zukunft nicht gehen.

4) In dem Konflikt stehen sich NICHT geizige Filesharer und missachtete Urheber gegenüber

Christian Stöcker: „Der Ausgangspunkt der Debatte ist nicht die Forderung nach einer Abschaffung des Urheberrechts. Der Ausgangspunkt ist vielmehr der vehement und auf zahlreichen Wegen immer wieder vorgetragene Wunsch der Branchenverbände, Bürgerrechte einzuschränken, um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zu erleichtern. Viele, die etwa gegen den Copyright-Pakt ACTA auf die Straße gingen, taten das nicht, weil sie unbegrenzten Zugang zu kostenlosen Musik- und Filmdateien wollen, sondern weil sie verschärfte Internetüberwachung für gefährlich halten.“
5) Es ist derzeit NICHT unmöglich, gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorzugehen.

In Deutschland gibt es Anwaltskanzleien, die sich auf das Thema spezialisiert haben und bei Urheberrechtsverletzungen im Internet Abmahnungen erteilen. Es gibt Mittel und Wege, gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen, wenn auch keine radikale.

Trotz dieser aufgeführten Punkte muss der Aufruf der Autoren meiner Meinung nach ernst genommen werden. Dies, weil der Aufruf aufzeigt, dass sich viele Autoren den Diskussionen um das Urheberrecht hilflos ausgesetzt fühlen und Angst um das Wenige haben, das ihnen bleibt. Autoren verdienen wenig am Verkauf ihrer Bücher, aber dennoch stecken sie ihr ganzes Herzblut ins Schreiben und möchten die Wertschätzung in Form des Urheberrechts dafür spüren. Sagen zu können man hat etwas geschaffen, das bleibt, eine geistige Schöpfung kreiert, die kein anderer in dieser Weise hätte schaffen können ist schön und diese Schöpfungen sollen deshalb auch nicht übers Internet frei beziehbar sein. Der Gedanke hinter dem Aufruf ist verständlich, aber wie oben erwähnt gehen die Diskussionen eher in die Richtung, dass das Urheberrecht überarbeitet werden soll und dem digitalen Zeitalter angepasst, nicht aber abgeschafft. Es handelt sich um eine Minderheit, die für die Abschaffung des Urheberrechts plädiert.

Sammelklage gegen Google books

Mit einer weiteren Aktion versuchen sich Autoren und Fotografen für ihre Rechte an ihren geistigen Schöpfungen einzusetzen: Anfangs Juni wurde laut Carolin Neumann eine Sammelklage gegen Google books eingereicht um gegen die Massendigitalisierung vorzugehen. Die Authors Guild versucht schon seit 2005, erfolgreich gegen Google vorzugehen:

Carolin Neumann: „Der Konzern (Google) selbst gibt sich nach wie vor selbstbewusst, bei seiner anhaltenden Digitalisierung amerikanischem Urheberrecht zu folgen. Nach dem jetzigen Urteil ist der Weg frei für einen Prozess, der dieser Frage neuerlich nachgehen soll. Google hatte sich zuletzt gegen eine Sammelklage gewehrt und argumentiert, die Authors‘ Guild könne nicht für alle ihre Mitglieder sprechen, wenn doch mehr als die Hälfte bekanntermaßen für eine Verbreitung ihrer Werke per Google Books sei. Doch das Gericht schmetterte auch diese Einwände ab: Die „unglücklichen Autoren“ hätten trotzdem das Recht, sich zusammenzuschließen. Es wäre überdies unfair, von Urhebern zu verlangen, allein gegen Google vorzugehen.“

Wozu die Sammelklage schlussendlich wirklich führen kann bleibt offen.

Advertisements

3 Gedanken zu „Wird das Urheberrecht abgeschafft? Sorgen und Irrtümer der Künstler

  1. Es gibt aus dem wissenschaftlichen Bereich Forderungen, das Urheberrecht abzuschaffen. Joost Smiers und Marieke fordern das auf breiter Basis in ihrem Buch „No Copyright“:

    http://netzpolitik.org/2012/buch-%E2%80%9Ekein-copyright-von-jost-smiers-und-marieke-van-schijndel/

    Sie fordern das für das Urheberrecht, aber auch für das Patentrecht. So fordern auch mehr ökonomische empirische Untersuchungen (statt ideologischer Behauptungen). Zwei Beispiele:
    – sie fordern die Zerschlagung großer Medienkonzerne, da durch den dortigen Marktmachtmissbrauch der Monopole kleine und mittlere Autoren, Künstler benachteiligt werden. In klassischen kapitalistischen Ländern wie den USA ist die Bekämpfung von Marktmachtmissbrauch üblich wie bei z.B. bei der Zerschlagung von AT&T.
    – sie führen bei den Patenten an, dass durch deren Schutz mit dem Leben von Menschen gespielt wird und verweisen darauf, dass in Indien die Frage von Genereka (Kopien) ganz anders diskutiert wird als in den rechen NATO-Ländern.

    Tatsächlich sollte man die Frage stellen, ob sich das Urheberrecht überhaupt bewährt hat. Eckard Höffner hatte in einer der wenigen empirischen Untersuchungen gezeigt, dass in Deutschland ohne Urheberrecht die Autoren kreativer und besser bezahlt waren als in England mit Urheberrecht:
    http://www.heise.de/tp/artikel/33/33092/1.html

    Ich selbst habe an einem Beispiel der ARD (Dessen Flatrate-Modell bei der GEZ ich für ausgesprochen gut halte, wo man Filme bis zum Koma auf Flatrate sehen kann, wie bei Spotify Musik) gezeigt, wie das Urheberrecht dazu benutzt wird, Kultur mit Steuergelder zu verhindern!
    http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2012/05/13/sherlock-holmes-das-dartmoor-und-das-urheberrecht/

    Das Urheberrecht hat m.E. in den letzten 200 Jahren (auch lange vor dem Internet ) dazu geführt, dass Künstler und Urheber in eine prekäre Einkommenssituation kommen. Drei Zahlen:
    – die GEMA schüttet pro Künstler im Jahr 11.000 € aus
    – die Künstlersozialkasse versichert im Schnitt 12.000 €/Jahr für Musiker, 15.000 €/Jahr für andere.

    Da Leute wie Adorf, Tellkamp und Roche vermutlich über dem Schnitt liegen, gibt es bei den über 100.000 Betroffenen eine große Mehrheit, die unter Hartz4 vergütet wird. Eine solche Situation durch Beibehalten des sie erzeugenden Urheberrechts fortwähren zu lassen, ist (in Sozi-Terminologie) unsolidarisch und prekariatsfördernd. Ich finde das aus ökonomischen und sozialen Gründen nicht für richtig.

    In der neuen brandeins (offline) ist eine Vielzahl von Möglichkeiten genannt, wie man im Internet Geld verdient. Wir werden uns darum kümmern müssen, dass die wie Rechtsanwälte, die ja auch Geistesarbeiter sind, von ihrer Arbeit leben können. Das Urheberrecht hat in den letzten 200 Jahren keinen Beitrag geleistet, wie die empirischen Zahlen zeigen. Warum soll man es dann aufrechterhalten?

    Dass die Diskussion noch nicht im politischen Raum angekommen ist, ist nicht schlimm. Als der Club of Rome seinen ersten Bericht „Grenzen des Wachstums“ vorlegte, war Die Grünen auch noch nicht im Bundestag. Trotzdem vollzieht sich nun auf breiter Basis eine Energiewende.

    So wie wir Atomkraftwerke, Dampflokomotiven nicht mehr brauchen, wird es mit dem Urheberrecht auch gehen, um die Diversität und Intensität von Kultur zu erhöhen. Auch wenn die Piraten und die anderen Konservativen derzeit noch nicht so weit sind. Wird schon.

  2. ganz eherlich bezweifle ich das. es wird immer menschen geben die als urheber in frage kommen und auch darauf bestehen. was wird aus künstlern die keine rechte mehr an ihren songs oder musikstücken haben ? sozialamt ?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s